Wie sind Sie zu ”Cross-Border Air Rescue” gekommen und was
ist Ihre Aufgabe im Projekt?
Ich war von Anfang an an dem Projekt
beteiligt, da ich einerseits jahrelang auf dieeine oder andere Weise mit der
Fliegerei zu tun gehabt hatte, andererseits seit Jahren in verschiedenen
Positionen an unterschiedlichen Standorten bei Falcks Rettungsdienst angestellt
war.
Bei Falck war man sich schon seit mehreren Jahren der Tatsache bewusst,
dass die präklinische Versorgung in Dänemark – wie schon in anderen europäischen
Ländern – wohl früher oder später den Einsatz von Rettungshubschraubern zur
Unterstützung des bodengebundenen Rettungsdienstes verlangen würde. Deswegen war
die Teilnahme an diesem Projekt für uns ein hervorragender Einstieg in die
Materie.
Bei der Cross-Border-Kooperation leite ich die Arbeitsgruppe, die
für die technische Infrastruktur verantwortlich ist. Aufgabe der Gruppe ist
sicherzustellen, dass Technik und Betrieb optimal und zuverlässig funktionieren.
Ein gutes Beispiel ist die elektronische Datenübertragung und die
Hubschrauberanforderung von Falcks Leitstelle in Kolding an die Leitstelle
Husum. Hierzu wurden die Hubschrauber mit speziellen Funkgeräten ausgerüstet,
die nicht nur für den Sprechfunkverkehr geeignet sind, sondern auch zur
Übertragung von Text und Zustandsmitteilungen. Diese Geräte wurden jetzt
dahingehend erweitert, dass sie auch mit dem Navigationssystem des Hubschraubers
Daten austauschen. Damit kann der Einsatzort sofort nach Flugbeginn in Richtung
Dänemark im Navigationssystem ausgelesen werden. Die Hubschrauber werden zudem
von der Leitstelle aus über Satellit überwacht, sodass ihre genaue Position,
auch im Verhältnis zu anderen Rettungsfahrzeugen, jederzeit bekannt ist.
Ein
weiterer Aufgabenbereich der Gruppe war es, alle offiziellen Genehmigungen usw.
für den Flugbetrieb im dänischen Luftraum einzuholen. Dazu gehörte u. a. die
Beschreibung geeigneter Landeplätze an Krankenhäusern und die Ausarbeitung von
Informationsmaterial über eine optimale Zusammenarbeit am Rettungsort für alle
Beteiligten.
Welchen konkreten Nutzen bietet das Projekt für die
dänischen Patienten? Wie ist die Akzeptanz auf der dänischen
Seite?
Das Projekt birgt einmalige Möglichkeiten für den Süden
Jütlands. Es bedeutet, dass Notarzt und Rettungsassistent sehr viel schneller am
Einsatzort sind, aber auch, dass sie den Patienten direkt zum endgültigen
Behandlungsort bringen können. Diese Möglichkeit hat man derzeit sonst nirgendwo
in Dänemark.
Wir sind ganz klar der Auffassung, dass das Projekt in Dänemark
ausgesprochen positiv aufgenommen wurde – und auf eine Weise, die meine eigenen
Erwartungen bei weitem übertrifft. Es war schon eine Freude miterleben zu
dürfen, mit welchem Engagement und Zielbewusstsein sich alle Beteiligten auf
beiden Seiten der Grenze für den Erfolg des Projekts eingesetzt
haben.
Angesichts der zahlreichen bisher geflogenen Einsätze ist auch klar,
dass wirklich ein entsprechender Bedarf besteht. In fast allen Fällen bedeutete
der Einsatz, dass Schwerverletzte oder Schwerkranke am Einsatzort schnell und
effektiv versorgt und dann ebenso schnell – und häufig über längere Strecken –
zum geeignetsten Krankenhaus transportiert werden konnten.
Für
FALCK ist die Luftrettung ein neues Betätigungsfeld. Welche Erfahrungen konnten
Sie sammeln?
Heute liegen 85 Prozent der rettungsdienstlichen
Versorgung in Dänemark in den Händen von Falck. Anhand unserer zahlreichen
Einsätze konnten wir dabei eine Entwicklung feststellen, die in Richtung
längerer Strecken mit häufig hohem Verkehrsaufkommen zu weniger und mehr
spezialisierten Krankenhäusern geht. Eine andere Entwicklung ist die sehr
ungleichmäßige Ärztedichte in Dänemark. All dies sind Faktoren, die
unterstreichen, wie groß der Bedarf an Rettungshubschraubern zur Unterstützung
der präklinischen Versorgung auch in anderen Regionen Dänemarks ist. Das
Interreg-Projekt hat uns gezeigt, dass man damit einen sehr großen geografischen
Bereich effektiv abdecken kann. Dänemark ist ja ein Land, das praktisch ganz von
Wasser umgeben ist. Die zahlreichen Förden, Belts und Inseln bedeuten, dass
viele Einsatzorte nur mit einem Rettungshubschrauber auf direktem Wege
erreichbar sind. Nicht zuletzt deswegen erwarten wir uns viel von der Einführung
eines Luftrettungsdienstes in Dänemark.
Derzeit wird die
Einrichtung eines landesweiten Luftrettungsdienstes in Dänemark geplant. Können
Erkenntnisse aus dem Projekt dabei nützlich sein?
Auf jeden Fall!
Die bisherigen Erfahrungen sind bereits zum Teil in den Bericht eingeflossen,
den das dänische Gesundheitsamt über die kommende präklinische Versorgung in
Dänemark ausgearbeitet hat. Der Teil des Berichts, der sich mit
Rettungshubschraubern beschäftigt, ist ausgesprochen umfangreich und basiert u.
a. auf den Erfahrungen des Cross-Border-Projekts. Dies führte z. B. zu der
Empfehlung, dass in Dänemark vier Leitstellen für die Luftrettung eingerichtet
werden sollen. Die Erfahrungen aus Niebüll sind ja, was dänische Verhältnisse
betrifft, ausgesprochen relevant.
Im Rahmen des Projektes konnten wir einige
der erfahrensten Falck-Rettungsassistenten zu HEMS-Crew-Mitglieder (HCM)
ausbilden, die dann alle möglichen Einsätze flogen und dabei wertvolle
Erfahrungen sammeln konnten.
Nicht zuletzt zeigen Politiker, potenzielle
Kooperationspartner, aber auch die Presse und ein großer Teil der dänischen
Bevölkerung zunehmend großes Interesse an dem Projekt.